Luftigkeit

26. August 2008

Der neue Weltmeister der AGWC im Luftgitarrespielen steht fest: es ist Hot Lixx Hulahan aus den USA. Ist Luftgitarrespielen eigentlich nerdig? Eigentlich tritt es doch mit allen Attributen von „Jock“-Kultur auf (ein weiteres Übersetzungsproblem, das gelöst werden muss): Machismo, sexuelles Protzen, Mainstream-Hardrock, Publikumsbezug, körperliche Anstrengung. Trotzdem beschleicht einen beim Betrachten der Auftritte, zum Beispiel vom Champion der Jahre 2006 und 2007, Ochi Dainoji Yosuke, das Gefühl, dass man es mit Nerds zu tun haben muss, sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Organisatoren.

These: Im Gegensatz zu expressivem Tanz oder intensivem Mitsingen kann man Luftgitarrespielen überhaupt nicht mit irgendeiner ernsthafte Betätigung in Verbindung bringen – es ist also nicht sozial eingepasst.

These: Ein großer Reiz beim Zusehen liegt darin, dass man sich vorstellen muss, wie jemand wochen- oder monatelang diese sinnlose Betätigung entworfen, einstudiert und trainiert haben muss. (Spielercharakter des Nerds)

These: Wenn Nerds explizit mit ihren nerdigen Kompetenzen und Fähigkeiten auftreten, dann entwickelt sich für das Publikum ein Camp-Erlebnis. Der Nerd verwandelt sich in dieser Situation zum Freak. Wohl eine der wenigen Möglichkeiten, wie Nerds popkulturell adaptibel sein können. (Andere gesellschaftliche Möglichkeiten: Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaft)

These: Von anderem, „echten“ Camp unterscheidet sich das aber dadurch, dass die Produzenten nicht glauben, dass sie in einem allgemein anerkannten, ernsthaftem Gebiet reüssieren. (siehe Sontag: „Notes on Camp“)

Zeitgleich berichtet Spiegel Online über die beste deutsche Guitar-Hero-Spielerin. Auch Luftgitarre, möchte man meinen. Aber doch eigentlich etwas völlig Anderes. Was zu analysieren wäre.

(Quelle des Bilds: http://illustrationmafia.blogspot.com/2007/09/air-guitar-101.html)

Ergänzung:

Christian Kortmann hat das Phänomen übrigens so gedeutet:

Dass man sich zum Luftgitarrespielen institutionell zusammen schließt, ist Beweis für die große Freude am enthemmten So-tun-als-ob, das im Alltag ja verpönt ist: Wie unfein, sich zu verstellen; wie sympathisch aber, immer ganz der zu bleiben, der man ist. Bei den Luftgitarren-Weltmeisterschaften wird die lustvolle Selbstdarstellung zum Sport, die Inszenierung des Ichs zu einer anerkannten Leistung. Daher kann man die Titelkämpfe nicht einfach als eine Veranstaltung abtun, bei der Spinner ihre Tagträume realisieren. Vielmehr muss das man das Luftgitarrenspiel in seiner kulturhistorischen Verwandschaft mit all jenen Disziplinen betrachten, die das schmückende Ornament in der Ausführung über den eigentlichen Zweck der Handlung stellen: also mit dem automobilen Concours d’Elégance, dem Drag-Queen-Contest, dem Synchronschwimmen und auch der späten Form des Duells, als man sich nur noch der Ehre halber im Wiesenmorgengrauen traf, um dann absichtlich aneinander vorbei zu schießen.

(In: „Unsichtbare Saitenhiebe. Über die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen.“ In: Ders.: Urban Safarai. Expeditionen in die populäre Kultur. Münster: Oktober Verlag, 2003. S. 119-121. Hier: S. 120)

Und Roel Bentz van den Berg fügte dieses hinzu:

Insbesondere bei Hardrock- und Heavy-Metal-Konzerten kann man sie häufig beobachten: Jungs, meist sind es nur Jungs, aber längst nicht immer, die, gleich einem vervielfältigten menschlichen Echo des Gitarristen auf der Bühne, eine unsichtbare Gitarre spielen – die linke Hand, halb zur Faust geballt, ungefähr einen halben Meter neben ihrem Herzen, die rechte Hand irgendwo zwischen Nabel und Schritt, mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung machend, als polierten sie eine Zehncentmünze. Unsichtbar, aber allein schon wegen der Hingabe, mit der sie gespielt wird – beseelt von all dem, was der Spieler auf ihr auslebt -, nicht weniger wirklich als jede Kombination von Holz, Plastik und Metall; unsichtbar nur deshalb, weil alles, was nicht unbedingt zum Wesen dieses Instruments gehört, heruntergerissen wurde, bis zum Schluß nur „Luft“ übriggeblieben ist, das Himmelblau der Phantasie, die Farbe des Instruments, über das Wallace Stevens dichtete: Things as they are / Are changed upon the blue guitar.
Ein Lied auf der Luftgitarre spielen – ein phantasiertes Instrument als Instrument der Phantasie – bedeutet, seinen Text und seine Musik zwischen den Außenmauern der Welt und den Innenmauern der eigenen Seele so laut wie möglich widerhallen zu lassen: das, was Lucebert in Über den Abgrund und den Luftmenschen einmal als „das Abtasten des inneren Gehörs“ bezeichnet hat – so lange, bis das Echo, das sich mit all dem füllt, wogegen es unterwegs stößt, wie in einem Spiegel aus Schall ein menschliches Antlitz angenommen hat, das einem bekannt vorkommt. Bin ich das? Bist Du das?

(In: Die Luftgitarre. Bowie, Springsteen und all die anderen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999. S. 8 f.)


Self-Consciousness ist was?

25. August 2008

David Anderegg weist, wie andere auch, einen „lack of self-conciousness“ als typisches Persönlichkeitsmerkmal des Nerds aus:

One of the things that makes kids kids is their lack of self-consciousness, and one of the things that most distinguishes nerdy kids from nonnerdy kids is exactly this quality, as we shall see later on. One might say that the kids whom others label as really nerdy are the ones who are the last to develop the self-consciousness of adolescence or, in other words, the last to grow up. The weird enthusiasms, the willingness to cooperate with adults, the lack of social skills – all these things seem nerdy and pathetic to sophisticated, self-conscious teenagers. But nerdiness has its own charms. (David Anderegg: Nerds. Who they are and why we need more of them. New York: Jeremy P. Tarcher, 2007. S. 5)

Die Frage, die sich stellt, ist: wie sollte man das nun ins Deutsche übersetzen? Ein schwieriges Unterfangen, denn so einleuchtend das Konzept ist und so gut man es mit viel Umschreibung treffen könnte, so wenig gibt es ein Wort für dieses Konzept im Deutschen. Ein relativ bekannter Problemfall, der es als Beispiel in den „False Friends“-Artikel der Wikipedia geschafft hat:

Ebenso hat die falsche Übersetzung von self-consciousness zu einer irrtümlichen Gleichsetzung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen im alltäglichen Sprachgebrauch geführt; self-consciousness bedeutet eigentlich soviel wie „seiner selbst als Person voll und ständig bewusst sein“, kurzum: „Befangenheit“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Falscher_Freund)

Genau so löst es das dict.cc-Wörterbuch, wenn es self-consciousness mit „Befangenheit“ übersetzt, als Synonyme dann aber auch „Gehemmtheit“ und „Verlegenheit“ angibt. Dabei wird deutlich, dass „Befangenheit“ schon zu negativ besetzt ist. Wenn davon gesprochen wird, dass Nerds einen „lack of self-consiousness“ hätten, würde das bedeuten, sie wären völlig unbefangen, was erstens eine absolut positive Eigenschaft darstellte und zweitens auch nur in Bezug auf andere Menschen deutlich sein könnte. Beim Sozialverhalten wird allerdings oft von ihrer „awkwardness“ gesprochen, was in deutscher Übersetzung widersprüchlich wird, weil man diesen Begriff mit „Gehemmtheit“ übersetzen könnte.

Dict.cc gibt allerdings noch einen Alternativbegriff an – „consciousness of self“ – der dann mit „Ichbewusstsein“ übersetzt wird. Eine andere Richtung, die vielleicht schon richtiger ist, allerdings die Sache auch nicht ganz trifft. Das wäre das philosophische Konzept des „Selbstbewusstseins“, also das Bewusstsein des Menschen von sich selbst als denkendem Wesen. Im Forum von Leo.org wird in einem Thread diese Übersetzungsvariante diskutiert, dort wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass dieses im Englischen eher „self-awareness“ hieße (wie die landläufige Bedeutung von Selbstbewusstsein „self-esteem“ wäre). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass in sozialpsychologischen Artikeln und Tests „self-consciousness“ mit „Selbstwahrnehmung“ übersetzt wird.

Wichtig für das Konzept ist, dass ein Nerd in sozialen Zusammenhängen sich, seine Erscheinung und seine Handlungen nicht durch die Augen der anderen betrachtet und somit durch unangepasstes bis linkisches Verhalten auffällt. Er ist sich allerdings seiner selbst bewusst, auch der Reaktionen der anderen auf ihn, er lässt sich allerdings nicht auf den Regelkreis ein, dass diese Reaktionen sein Verhalten modifizieren würden und er sich somit seiner Umgebung anpasst. „Selbstwahrnehmung“ vernachlässigt diesen Aspekt, es klingt so, als würde er sich bei einem Fehlen von „Selbstwahrnehmung“ nur an der Umgebung orientieren, wohingegen das Gegenteil der Fall ist.

In einem anderen Thread auf Leo.org wurde durch ein Mißverständnis bei der Diskussion der Begriffe „Selbstbewusstsein“ und „Selbstsicherheit“ vom User „bike_helmut“ der Begriff „Selbstbewusstheit“ gebildet und vom User „Archfarchnad -gb-“ aufgegriffen. Ein, wie ich auch finde, sehr guter Begriff, weil durch diese Entfremdung die Tätigkeit der Wahrnehmung des Selbst und das Bewusstsein vom eigenen Selbst in bestimmten Zusammenhängen wieder akzentuiert wird, die in „Selbstbewusstsein“ verloren gegangen sind, das keinen aktivischen Prozess bezeichnet, sondern eine permanente Eigenschaft. Mit dieser Erläuterung würde ich also „self-consciousness“ als „Selbstbewusstheit“ übersetzen.