Nerds sind Freimaurer

30. Oktober 2010

Ronno zieht in einer Spiegel Online-Diskussion zur Aufspaltung des Open Office-Projektes einen interessanten Vergleich. Für ihn sind Nerds Teil einer eingeweihten Gemeinde, die sorgsam darauf bedacht ist, ihre Mitgliedschaft zu kontrollieren. Unter dem Titel „Bangt hier jemand um seinen Status?“ postete er am 29. Oktober 2010:

Zitat von hjm

OpenOffice war immer ein Fremdkörper in der Welt der freien Software. Freie Software lebt davon, dass die Entwickler Programme für sich selbst schreiben und sich dabei an ihren eigenen Bedürfnissen orientieren. OpenOffice orientiert sich aber nicht an den Bedürfnissen der Entwickler, sondern an den Vorbildern aus der kommerziellen Welt, und damit am Dummi-Benutzer.
Nunja, die Zeiten, wo Freie Software nur von elitären Nerds für elitäre Nerds des innersten eingeweihten Logenzirkels gemacht wurde, sind wohl langsam vorbei. Selbst „Blender“ hat seine vorsintflutliche Benutzeroberfläche in der neusten Beta-Version endlich den „Dummies“ angepasst, die damit nur Arbeiten wollen (sonst kaufen die sich womöglich doch noch C4D ;-). Linux lässt sich dank Ubuntu & Co. inzwischen auch einfach von „Dummies“ installieren. Selbstverständlich geht damit immer ein Stück des hochnäsigen Elitedenkens einiger Leutchen verloren, die sich dann andere Be(s)tätigungsfelder ihrer Überlegenheit suchen müssen.
Bei aller Stimmigkeit des Vergleichs bleibt doch der Vorbehalt, dass Nerds sich nicht in hierarchischen Strukturen organisieren würden und regelmäßige Treffen nach bestimmten Regeln abhalten würden. Es sei denn, man definiert die ungeregelte, aber von emergenten Codes geleitete Teilhabe an bestimmten Aktivitäten und Interessen als eine solche Organisation.

Diagramm der Geek-Kultur

31. Januar 2010

Auf Mister.de findet sich die überwältigende Mindmap des gemeinen Geeks:

Interessant vor allem, wegen der verschiedenen Geek-Typen, die hier definiert werden. Physik, Mathe, Geschichte und Literatur sind Geek-Wissenschaften, Biologie, Chemie, Erdkunde, Sozialkunde, Kunst und Sprachen nicht. Man kann zwischen Trekkies und Sci-Fi-Geeks, Rollenspielern und Gamern, Japan-Fans und Otakus, Computer Geeks, Programmer Geeks und IT-Typen differenzieren. Zudem sind Modelle, Filme, Comicbücher und Autos typenbildende Gegenstände. Sammeln und Designen sind geekige Tätigkeiten. Und Bloggen, Hacken und Raubkopieren auch. Man sollte nicht allzu kritisch sein, weil sicherlich auch noch andere Typen zugelassen wären, aber bedenkenswert sind diese Richtungen schon.

Sehr überzeugend ist die Grundtrias, die die Persönlichkeit eines Geeks bestimmt: Akademische Bildung+Popkultur+Technik. Diese Definition macht den Geek, trotz einiger unbestreitbarer Vorläufer, als Sozialphänomen erst seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts möglich, als alle drei Faktoren eine weite Verbreitung erfahren haben.


Luftigkeit

26. August 2008

Der neue Weltmeister der AGWC im Luftgitarrespielen steht fest: es ist Hot Lixx Hulahan aus den USA. Ist Luftgitarrespielen eigentlich nerdig? Eigentlich tritt es doch mit allen Attributen von „Jock“-Kultur auf (ein weiteres Übersetzungsproblem, das gelöst werden muss): Machismo, sexuelles Protzen, Mainstream-Hardrock, Publikumsbezug, körperliche Anstrengung. Trotzdem beschleicht einen beim Betrachten der Auftritte, zum Beispiel vom Champion der Jahre 2006 und 2007, Ochi Dainoji Yosuke, das Gefühl, dass man es mit Nerds zu tun haben muss, sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Organisatoren.

These: Im Gegensatz zu expressivem Tanz oder intensivem Mitsingen kann man Luftgitarrespielen überhaupt nicht mit irgendeiner ernsthafte Betätigung in Verbindung bringen – es ist also nicht sozial eingepasst.

These: Ein großer Reiz beim Zusehen liegt darin, dass man sich vorstellen muss, wie jemand wochen- oder monatelang diese sinnlose Betätigung entworfen, einstudiert und trainiert haben muss. (Spielercharakter des Nerds)

These: Wenn Nerds explizit mit ihren nerdigen Kompetenzen und Fähigkeiten auftreten, dann entwickelt sich für das Publikum ein Camp-Erlebnis. Der Nerd verwandelt sich in dieser Situation zum Freak. Wohl eine der wenigen Möglichkeiten, wie Nerds popkulturell adaptibel sein können. (Andere gesellschaftliche Möglichkeiten: Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaft)

These: Von anderem, „echten“ Camp unterscheidet sich das aber dadurch, dass die Produzenten nicht glauben, dass sie in einem allgemein anerkannten, ernsthaftem Gebiet reüssieren. (siehe Sontag: „Notes on Camp“)

Zeitgleich berichtet Spiegel Online über die beste deutsche Guitar-Hero-Spielerin. Auch Luftgitarre, möchte man meinen. Aber doch eigentlich etwas völlig Anderes. Was zu analysieren wäre.

(Quelle des Bilds: http://illustrationmafia.blogspot.com/2007/09/air-guitar-101.html)

Ergänzung:

Christian Kortmann hat das Phänomen übrigens so gedeutet:

Dass man sich zum Luftgitarrespielen institutionell zusammen schließt, ist Beweis für die große Freude am enthemmten So-tun-als-ob, das im Alltag ja verpönt ist: Wie unfein, sich zu verstellen; wie sympathisch aber, immer ganz der zu bleiben, der man ist. Bei den Luftgitarren-Weltmeisterschaften wird die lustvolle Selbstdarstellung zum Sport, die Inszenierung des Ichs zu einer anerkannten Leistung. Daher kann man die Titelkämpfe nicht einfach als eine Veranstaltung abtun, bei der Spinner ihre Tagträume realisieren. Vielmehr muss das man das Luftgitarrenspiel in seiner kulturhistorischen Verwandschaft mit all jenen Disziplinen betrachten, die das schmückende Ornament in der Ausführung über den eigentlichen Zweck der Handlung stellen: also mit dem automobilen Concours d’Elégance, dem Drag-Queen-Contest, dem Synchronschwimmen und auch der späten Form des Duells, als man sich nur noch der Ehre halber im Wiesenmorgengrauen traf, um dann absichtlich aneinander vorbei zu schießen.

(In: „Unsichtbare Saitenhiebe. Über die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen.“ In: Ders.: Urban Safarai. Expeditionen in die populäre Kultur. Münster: Oktober Verlag, 2003. S. 119-121. Hier: S. 120)

Und Roel Bentz van den Berg fügte dieses hinzu:

Insbesondere bei Hardrock- und Heavy-Metal-Konzerten kann man sie häufig beobachten: Jungs, meist sind es nur Jungs, aber längst nicht immer, die, gleich einem vervielfältigten menschlichen Echo des Gitarristen auf der Bühne, eine unsichtbare Gitarre spielen – die linke Hand, halb zur Faust geballt, ungefähr einen halben Meter neben ihrem Herzen, die rechte Hand irgendwo zwischen Nabel und Schritt, mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung machend, als polierten sie eine Zehncentmünze. Unsichtbar, aber allein schon wegen der Hingabe, mit der sie gespielt wird – beseelt von all dem, was der Spieler auf ihr auslebt -, nicht weniger wirklich als jede Kombination von Holz, Plastik und Metall; unsichtbar nur deshalb, weil alles, was nicht unbedingt zum Wesen dieses Instruments gehört, heruntergerissen wurde, bis zum Schluß nur „Luft“ übriggeblieben ist, das Himmelblau der Phantasie, die Farbe des Instruments, über das Wallace Stevens dichtete: Things as they are / Are changed upon the blue guitar.
Ein Lied auf der Luftgitarre spielen – ein phantasiertes Instrument als Instrument der Phantasie – bedeutet, seinen Text und seine Musik zwischen den Außenmauern der Welt und den Innenmauern der eigenen Seele so laut wie möglich widerhallen zu lassen: das, was Lucebert in Über den Abgrund und den Luftmenschen einmal als „das Abtasten des inneren Gehörs“ bezeichnet hat – so lange, bis das Echo, das sich mit all dem füllt, wogegen es unterwegs stößt, wie in einem Spiegel aus Schall ein menschliches Antlitz angenommen hat, das einem bekannt vorkommt. Bin ich das? Bist Du das?

(In: Die Luftgitarre. Bowie, Springsteen und all die anderen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999. S. 8 f.)