Prior to editing

18. Oktober 2010

Als Robert Joy die Titelrolle in Larry Shues „The Nerd“ im Helen Hayes Theatre spielte, erklärte er in einem Interview für das New York Magazine am 23. März 1987 seinen Zugang zu diesem Typ Mensch so:

„Everything I’m using in Steadman is me prior to editing. I found out very early that what makes the Nerd the way he is is that he doesn’t check himself to see if what he is saying is cool enough. That’s why a lot of scholars are called nerds – their minds aren’t on the impression they are making. The Nerd is a very free person, and it was easy for me to find what was lovable in him.“ (S. 25)

Interessant ist die Wortwahl „prior to editing“. Es lässt den Nerd als einen Menschen erscheinen, der sich einer gesellschaftlichen Tendenz entzieht, dass jede Äußerung, jede Handlung und jedes Auftreten so gemacht wird, als würde sie in einem publizistischen Kontext stehen. Menschen reden so, als könnte es auch in einer Zeitschrift oder in einem Radiofeature verwendet werden, Menschen handeln so, als würde es sich um eine Szene in einem Spielfilm oder einem Theaterstück handeln, Menschen treten so auf, als würden sie sich in einem Musikvideo oder einer Talkshow befinden. Dass der Nerd „prior to editing“ is, könnte, wenn man es noch weiter denkt, auch bestimmte Vorlieben des Nerds erklären, etwa die für das World Wide Web, das in seiner Gänze auch „prior to editing“ ist.

[Foto aus dem New York Magazine]


Durch die Brille des Nerds gesehen

13. Oktober 2010

In ihrem Buch „Jocks and Nerds“ liefern Richard Martin und Harold Koda die bislang tiefschürfendste Analyse des Klischeeaccessoires „Brille“:

Glasses are appropriate for the nerd not only because they signal the failure of his body to function in the seemingly invulnerable jock mode but because they hold an almost iconic power; glasses are what the bully pulls off in his taunts; glasses are what slip off at the water fountain; and in their distortion of the eyes, glasses create a focus on the pain of the nerd. The nerd style evokes sympathy. (S. 34)

Brillen sind also:

  • Index für die körperliche Schwäche des Nerds
  • das, was der Klassenschläger vom Nerd herunterreißen und zerstören kann
  • das, was der Nerd selbst verlieren kann, um sich selbst lächerlich zu machen
  • eine Metapher, um die verzerrte Sicht auf den Nerd anschaulich zu machen

[Photo von http://www.geekfleet.co.uk%5D


„Nerd“ leitet sich vom englischen „nerd“ ab

12. Oktober 2010

Im Anhang des Buches „Lachende Wissenschaft: aus den Geheimarchiven des Spaß-Nobelpreises“ des forensischen Biologen Mark Benecke findet man unter dem Titel „Wissenschaftliche Begriffe“ auf S. 221 diese Nerd-Definition:

Nerd: Ein intelligenter, aber kauziger, im Kontakt mit der Umwelt oft stiller Mensch. Ursprünglich abgeleitet vom englischen Wort für „Streber“, weil man diese Menschen früher für übertrieben ehrgeizige Schüler hielt. Das stimmt aber nicht, es ist bloß so, dass sich Nerds manchmal auch mit in der Schule behandelten Themen gern sehr innig beschäftigen. Ebenso oft tun sie dies aber nicht und sind darum nur in bestimmten Schulfächern besonders gut.
Schon seit etwa zehn Jahren wandelt sich die unrichtige Wahrnehmung: Max Goldt beschreibt Nerds als Menschen, die früher gern auf dem elterlichen Küchentisch gelöstet haben, heute an Computersoftware tüfteln, ihren Körper nicht richtig beherrschen und Sex für lästig halten.
Seit etwa 2001 hat sich die Wortbedeutung wiederum verändert. Heute steht der Begriff „Nerd“ laut Klaus Fehling für „jemanden, der etwas ganz allein, ohne die Hilfe anderer, beherrschen kann“.
Anstelle von „Nerd“ wird auch das Wort „Geek“ benutzt, das sich aber eher auf reine Computertüftler bezieht.

Was das englische Wort für Streber ist, von dem Nerd „abgeleitet“ sein soll, bleibt unklar (wahrscheinlich ist es „nerd“). Die Nerd-Definition von Klaus Fehling, die ohne Quellenangabe zitiert wird, findet sich ebenfalls bei Mark Benecke, in dem Artikel „Geliebte mit hunderttausend Volt“ über Freunde von Starkstrommasten, der 2001 in der 29. Ausgabe der ZEIT erschienen ist:

„Der Definition nach“, stellt der in Computer-Betriebssysteme verliebte Theaterautor Klaus Fehling bei einer Zigarre fest, „bist du auch ein Nerd.“
Das wundert mich, denn Nerds sind laut Max Goldt eigentlich Menschen, die früher gern auf dem elterlichen Küchentisch gelötet haben, heute an exotischer Software tüfteln, ihre Körper nicht richtig beherrschen und Sex für lästig halten. „Stimmt nicht ganz“, meint mein Gast. „Nerds sind vor allem Spezialisten für etwas, das sie ganz allein, ohne die Hilfe anderer, beherrschen können.“
So wie die Liebhaber von Überlandstromleitungsmasten.

Eine Methode, die man sich merken muss: Schreibe einen Artikel, in dem man von der Aussage eines Anderen gegenüber einem selbst berichtet. Dann zitiere in einem anderen Text diese Aussage, die ja nun eine Quelle besitzt.


Unfähigkeit zum Politischen (und sonstigen offenen Systemen)

8. Oktober 2010

In ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ bezieht sich Antja Schrupp am 31. März 2010 unter dem Titel „Nerds (m/w). Eine Analyse und eine Frage“ auf den Brandeins Artikel über Nerds. Sie versteht die Kategorie „Nerd“ als ein geschlechtsspezifisches Abgrenzungsinstrument:

Bei der Diskussion über die Nerds geht es um einen Konflikt zwischen Männern. Verhandelt wird daran ein sich veränderndes Männerbild. Der visionäre, polternde, machtbewusste, charismatische Macher-Mann, der seit einigen Jahrzehnten das männliche Role-Model war (nicht zufällig denke ich hier an Frank Schirrmacher) wittert Konkurrenz durch eine neue Sorte Mann, der er der Einfachheit halber den Namen „Nerd“ gibt.

Und deshalb sind ihrer Meinung nach auch Frauen nicht vom Nerd-Genannt-Werden betroffen:

Ich bin der Meinung, das hängt eben genau damit zusammen, dass die Nerd-Diskussion in Wahrheit eine versteckte Männlichkeits-Diskussion ist: Während verunsicherte Nicht-Nerd-Männer die Selbstverständlichkeiten, an die sie immer geglaubt haben, in Gefahr sehen (einfach weil es immer mehr Männer gibt, die es anders machen, eben die „Nerds“), gibt es auf Seiten der „Nicht-Nerd-Frauen“ (wie ich zum Beispiel eine bin) keine Notwendigkeit, sich irgendwie konzeptionell von „Nerd-Frauen“ zu unterscheiden. Es besteht einfach an diesem Punkt keinerlei Unsicherheit im Bezug auf die eigene Weiblichkeit oder die Bedeutung, die wir jeweils dem Frausein beimessen. Wie gut eine Frau mit Computern kann und wie viel sie im Netz unterwegs ist, ist schlicht unerheblich im Bezug auf das Frausein. Die einen machen es eben so und die anderen so (was nicht heißt, dass Frauen bei diesem Thema keine Konflikte untereinander hätten, aber dazu ein andermal).

Der zweite, spannendere Punkt in ihrem Text, ist die These, dass Nerds unfähig sind, mit offenen Systemen wie Politik umzugehen:

Genau dieser Punkt war es, der mich vor einem halben Jahr an vielen „nerdigen“ Kommentaren zu meinem Blogpost über die Piraten vor allem gestört hat. Nicht, dass sie anderer Meinung waren als ich (nämlich der Meinung, der Frauenanteil in einer Partei sei irrelevant, während ich der Meinung war, er sei relevant), sondern dass sie ihre Meinung so verkündeten, als ginge es dabei um eine objektive Wahrheit, eine universale Logik, und ich sei nur zu blöde, um sie zu verstehen.

Diese Vorstellung, es gebe hinter allem eine „Wahrheit“ und es gehe nur darum, sie möglichst zweifelsfrei herauszufinden, stimmt aber nur für abgeschlossene Systeme und nicht für Politik. Es ist zum Beispiel schlicht nicht möglich, zu „beweisen“, ob der Frauenanteil in einer Partei relevant ist oder nicht. Sondern genau das ist der Gegenstand politischer Urteile, darüber gibt es Differenzen, und nirgendwo ist ein Schiedsrichter, der sagt, wer recht hat: Sobald ich, eine einzige Frau, beschließe, dass der Frauenanteil in einer Partei relevant ist, dann ist er nämlich relevant (zunächst einmal für mich, aber bald auch für die Welt, denn ich werde dann entsprechend handeln).
Der Bereich des Politischen führt immer aus dem jeweiligen System hinaus, das ist sein Wesen. Politik zeichnet sich (nach Hannah Arendt) durch die Möglichkeit des Neuanfangs aus, durch die Fähigkeit jedes einzelnen Menschen, etwas Anderes, Neues, noch nie da Gewesenes zu tun. Die alten, bisher existierenden Logiken und Maßstäbe haben im Bezug auf dieses Neue keine Gültigkeit. Man befindet sich in der Politik in einem undefinierbaren und schwammigen und unsicheren Bereich, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als real existierende Unterschiede auszuhandeln und sich mit Menschen abzugeben, die (aus eigener Perspektive) Blödsinn reden, nichts kapiert haben, kein bisschen durchblicken und so weiter.
Daher meine Frage an die „Nerds“ (und jetzt meine ich explizit auch die Frauen, die sich dazu zählen): Könnt Ihr mit diesem Unterschied zwischen offener, unbeweisbarer, überraschender, nicht vorhersagbarer Politik (Differenz) und verstehbarem, allgemein gültigem und logisch beweisbaren Systemen (Universalismus) etwas anfangen? Habt ihr darüber schon diskutiert? Ergebnisse? Texte? Links? Danke!


Reservat Kauzigkeit

15. April 2010

Daniel Haas benutzt in dem Artikel „Gestatten meine Name ist Nerd“ über Tina Fey die Vokabel „Kauz“, um Nerds zu charakterisieren. Und Kauzigkeit wird als das Pflegen von obskuren Vorlieben zum Schutz vor Enttäuschungen in der „Wirklichkeit“ definiert:

Die Gestalt, die diese Geistes- und Lebenshaltung immer noch am besten zum Ausdruck bringt, ist der Nerd. Bis Fey die Bühne betrat, waren Nerds vorwiegend männlich, Kauze, die sich mit obskuren Vorlieben vor der Wirklichkeit verschanzten. Einer Welt romantischer Enttäuschungen und sozialer Tiefschläge entgeht der Nerd mit Parallelexistenzen in Comics und Computerspielen. In der gehobenen Variante können es auch Jazz, Kunstfilme und schwierige Bücher sein.

Zudem gibt es einen winzigen Versuch, die wachsende Popularität von Nerds zu erklären:

Die Unterhaltungsindustrie verdankt den Nerds Milliardenumsätze, und die Comedy nutzt sie als Spielmaterial. „Wir wären nirgendwo ohne die Nerds“, sagt Fey und wuschelt sich unbeholfen die Frisur zurecht. „Ich mag diese Loser. Kein Wunder: Sie hat den tapferen Verlierer ja für die weibliche Humorkultur erobert und regelrecht zur Kunstfigur veredelt. Liz Lemon ist bei allem Wortwitz so lächerlich, dass es wehtut.

Das erinnert an die Definition von Camp, dass etwas so schlecht ist, dass es wieder gut ist, bleibt aber völlig im Negativen. Warum es unterhaltend sein soll.

[Photo aus der Vogue ]


Poppige Geeks vs. Hardcore-Nerds

15. Oktober 2009

David Brooks vertritt in einem größtenteils aus anderen Quellen zusammengeschriebenen Artikel in der New York Times die These, dass die Kategorien „Nerd“ und „Geek“ im Laufe der Zeit ihren kulturellen und sozialen Status gewechselt hätten. Zunächst war der Nerd der bessere Geek, bevor der Geek den Nerd im Ansehen überholt und abgehängt hat:

At first, a nerd was a geek with better grades. The word described a high-school or college outcast who was persecuted by the jocks, preps, frat boys and sorority sisters. Nerds had their own heroes (Stan Lee of comic book fame), their own vocations (Dungeons & Dragons), their own religion (supplied by George Lucas and “Star Wars”) and their own skill sets (tech support). But even as “Revenge of the Nerds” was gracing the nation’s movie screens, a different version of nerd-dom was percolating through popular culture. Elvis Costello and The Talking Heads’s David Byrne popularized a cool geek style that’s led to Moby, Weezer, Vampire Weekend and even self-styled “nerdcore” rock and geeksta rappers.

[…] Among adults, the words “geek” and “nerd” exchanged status positions. A nerd was still socially tainted, but geekdom acquired its own cool counterculture. A geek possessed a certain passion for specialized knowledge, but also a high degree of cultural awareness and poise that a nerd lacked.

Geeks not only rebelled against jocks, but they distinguished themselves from alienated and self-pitying outsiders who wept with recognition when they read “Catcher in the Rye.” If Holden Caulfield was the sensitive loner from the age of nerd oppression, then Harry Potter was the magical leader in the age of geek empowerment.

Bedenkenswert ist die rudimentäre Erklärung, dass es ein popkultureller Einfluss gewesen sein soll, der diese Veränderung des Ansehens von Geeks hervorgebracht haben soll. Implizit steckt darin die These, dass der echte Nerd popkultur-untauglich ist.


Versunkenheit

26. August 2009

Auch Max de Brujin weist auf das Phänomen der „Versunkenheit“ hin, das bei Nerds zu beobachten ist. Er deutet es allerdings als eine Fähigkeit von Nerds, aus der sich eine „Haltung“ ergibt, nicht umgekehrt:

Betrachten wir noch einmal Bill G., unumstritten der Prototyp eines Nerd. Ein unscheinbarer Mann, der trotzdem auffällt. Doch warum eigentlich? Weil seine ganze Haltung ausdrückt, daß er absolut überzeugt ist: von seiner Arbeit und seinen gesamten Ideen. Das typische am Nerd ist nämlich, daß er sich einer Sache stets mit Leib und Seele verschreibt, sei es nun das Sammeln von Star-Trek-Fanartikeln, von Berichten über Flugzeugabstürze, das Züchten von Grassorten oder Verkauf schlechter Software. Ganz und gar fixiert auf ihre Aktivitäten, zeigen Nerds wenig oder gar kein Interesse an ihrer Umgebung und legen dementsprechend wenig Wert auf ihr Äußeres. Diese Eigenschaften tragen wiederum dazu bei, daß Nerds überaus geeignet sind für Jobs in der Computerindustrie oder der Elektronikbranche. Ihre totale Konzentration und ihr ausgeprägtes Talent für abstraktes Denken versetzen sie in die Lage, jahrelang ohne Sonne oder frische Luft in einer virtuellen Welt von Codes und Gehirnbits zu leben. Dazu kommt, daß Nerds gern nach Höherem streben: Sie wählen häufig ein Fachgebiet, von dem außer ihnen kaum jemand Ahnung hat, oder verschreiben sich einem Wissenschaftszweig, dem nur wenig andere außer ihnen intellektuell gewachsen sind. Besonders die Computertechnologie hat als Wegbereiterin einer neuen Ära solche Herausforderungen zu bieten. Falls jedoch eines Tages der Anbau von Rosenkohl, das Verfassen von Gedichten oder Walzen von Stahl unverhofft den heutigen Stellenwert von Computertechnik einnehmen sollte, wären Nerds die phantastischsten Rosenkohlzüchter, die begnadetsten Lyriker und die zähesten Stahlwalzer.

(In: Wie werde ich Bill Gates? Aufzucht und Lebensweise des gemeinen Nerd. Frankfurt a. M.: Fischer, 2000. S. 11 f.)

Folgerichtig beschreibt er die „Versunkenheit“ dann auch mit einer negativ besetzten Formel für Fremdbestimmtheit:

Die Besessenheit, mit der sich Nerds einer Aufgabe widmen, ist für die meisten Menschen das Verwirrendste an ihnen, weil normale Maßstäbe auf sie einfach nicht anwendbar sind.

(In: Wie werde ich Bill Gates? Aufzucht und Lebensweise des gemeinen Nerd. Frankfurt a. M.: Fischer, 2000.S. 12)


Widernatürlichkeit

26. August 2009

Max de Bruijn verweist auf nicht näher belegte „Fachdiskussionen“, in denen die heftige Abwehrreaktion, die Nerds bei anderen hervorrufen, sozialdarwinistisch erklärt werden. Der Erfolg von Nerds werde als widernatürlich empfunden:

[W]as macht [Bill Gates] zum Nerd? Nun: er trägt eine Brille, hat ein zerknautschtes Gesicht und schmale Schultern, versteht etwas von Computern und läßt gerne Prognosen über die Zukunft der Menschheit vom Stapel. All das klingt an sich ziemlich unschuldig; und doch ruft Bill G. bei vielen Leuten tiefe Haßgefühle hervor. […]

In Fachdiskussionen über dieses Phänomen gewinnt neuerdings eine darwinistische Theorie immer mehr an Boden. Angeblich ist es ein grundlegendes menschliches Problem, einfach nicht akzeptieren zu können, daß es die Nerds sind, die uns die Segnungen des Computerzeitalters beschert haben. […] [G]enau die Jungs, die in der Schule ein Mathe-As waren, in Sport dagegen eine Niete, und die deswegen ständig schikaniert wurden. Der Erfolg dieser Nerds, wie zum Beispiel Bill Gates, erweckt Mißgunst und will obendrein so gar nicht zu unserer biologisch bedingten Vorstellung vom erfolgreichen Menschen passen. Unter einem Gewinnertypen stellt man sich gemeinhin jemanden mit dem Aussehen von Tom Cruise oder Kevin Costner vor, und die besten Chancen, ihre Erbanlagen weiterzugeben, haben angeblich kräftige Männer mit viereckigem Unterkiefer und breiten Schultern. Steht aber ein linkischer Hänfling mit Brille und fettigen Haaren auf dem Siegertreppchen, ruft dies ganz von selbst Frust und Ablehnung in uns hervor. Das schlimmste an der Sache ist allerdings, so die wissenschaftliche Theorie, daß wir die Nerds zugleich dringend brauchen – beispielsweise wenn unser Computer abstürzt, wenn wir ein bestimmtes Programm benötigen oder eine Anwendung nicht verstehen.

(In: Wie werde ich Bill Gates? Aufzucht und Lebensweise des gemeinen Nerd. Frankfurt a. M.: Fischer, 2000. S. 9 f.)


Self-Consciousness ist was?

25. August 2008

David Anderegg weist, wie andere auch, einen „lack of self-conciousness“ als typisches Persönlichkeitsmerkmal des Nerds aus:

One of the things that makes kids kids is their lack of self-consciousness, and one of the things that most distinguishes nerdy kids from nonnerdy kids is exactly this quality, as we shall see later on. One might say that the kids whom others label as really nerdy are the ones who are the last to develop the self-consciousness of adolescence or, in other words, the last to grow up. The weird enthusiasms, the willingness to cooperate with adults, the lack of social skills – all these things seem nerdy and pathetic to sophisticated, self-conscious teenagers. But nerdiness has its own charms. (David Anderegg: Nerds. Who they are and why we need more of them. New York: Jeremy P. Tarcher, 2007. S. 5)

Die Frage, die sich stellt, ist: wie sollte man das nun ins Deutsche übersetzen? Ein schwieriges Unterfangen, denn so einleuchtend das Konzept ist und so gut man es mit viel Umschreibung treffen könnte, so wenig gibt es ein Wort für dieses Konzept im Deutschen. Ein relativ bekannter Problemfall, der es als Beispiel in den „False Friends“-Artikel der Wikipedia geschafft hat:

Ebenso hat die falsche Übersetzung von self-consciousness zu einer irrtümlichen Gleichsetzung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen im alltäglichen Sprachgebrauch geführt; self-consciousness bedeutet eigentlich soviel wie „seiner selbst als Person voll und ständig bewusst sein“, kurzum: „Befangenheit“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Falscher_Freund)

Genau so löst es das dict.cc-Wörterbuch, wenn es self-consciousness mit „Befangenheit“ übersetzt, als Synonyme dann aber auch „Gehemmtheit“ und „Verlegenheit“ angibt. Dabei wird deutlich, dass „Befangenheit“ schon zu negativ besetzt ist. Wenn davon gesprochen wird, dass Nerds einen „lack of self-consiousness“ hätten, würde das bedeuten, sie wären völlig unbefangen, was erstens eine absolut positive Eigenschaft darstellte und zweitens auch nur in Bezug auf andere Menschen deutlich sein könnte. Beim Sozialverhalten wird allerdings oft von ihrer „awkwardness“ gesprochen, was in deutscher Übersetzung widersprüchlich wird, weil man diesen Begriff mit „Gehemmtheit“ übersetzen könnte.

Dict.cc gibt allerdings noch einen Alternativbegriff an – „consciousness of self“ – der dann mit „Ichbewusstsein“ übersetzt wird. Eine andere Richtung, die vielleicht schon richtiger ist, allerdings die Sache auch nicht ganz trifft. Das wäre das philosophische Konzept des „Selbstbewusstseins“, also das Bewusstsein des Menschen von sich selbst als denkendem Wesen. Im Forum von Leo.org wird in einem Thread diese Übersetzungsvariante diskutiert, dort wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass dieses im Englischen eher „self-awareness“ hieße (wie die landläufige Bedeutung von Selbstbewusstsein „self-esteem“ wäre). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass in sozialpsychologischen Artikeln und Tests „self-consciousness“ mit „Selbstwahrnehmung“ übersetzt wird.

Wichtig für das Konzept ist, dass ein Nerd in sozialen Zusammenhängen sich, seine Erscheinung und seine Handlungen nicht durch die Augen der anderen betrachtet und somit durch unangepasstes bis linkisches Verhalten auffällt. Er ist sich allerdings seiner selbst bewusst, auch der Reaktionen der anderen auf ihn, er lässt sich allerdings nicht auf den Regelkreis ein, dass diese Reaktionen sein Verhalten modifizieren würden und er sich somit seiner Umgebung anpasst. „Selbstwahrnehmung“ vernachlässigt diesen Aspekt, es klingt so, als würde er sich bei einem Fehlen von „Selbstwahrnehmung“ nur an der Umgebung orientieren, wohingegen das Gegenteil der Fall ist.

In einem anderen Thread auf Leo.org wurde durch ein Mißverständnis bei der Diskussion der Begriffe „Selbstbewusstsein“ und „Selbstsicherheit“ vom User „bike_helmut“ der Begriff „Selbstbewusstheit“ gebildet und vom User „Archfarchnad -gb-“ aufgegriffen. Ein, wie ich auch finde, sehr guter Begriff, weil durch diese Entfremdung die Tätigkeit der Wahrnehmung des Selbst und das Bewusstsein vom eigenen Selbst in bestimmten Zusammenhängen wieder akzentuiert wird, die in „Selbstbewusstsein“ verloren gegangen sind, das keinen aktivischen Prozess bezeichnet, sondern eine permanente Eigenschaft. Mit dieser Erläuterung würde ich also „self-consciousness“ als „Selbstbewusstheit“ übersetzen.