Unfähigkeit zum Politischen (und sonstigen offenen Systemen)

In ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ bezieht sich Antja Schrupp am 31. März 2010 unter dem Titel „Nerds (m/w). Eine Analyse und eine Frage“ auf den Brandeins Artikel über Nerds. Sie versteht die Kategorie „Nerd“ als ein geschlechtsspezifisches Abgrenzungsinstrument:

Bei der Diskussion über die Nerds geht es um einen Konflikt zwischen Männern. Verhandelt wird daran ein sich veränderndes Männerbild. Der visionäre, polternde, machtbewusste, charismatische Macher-Mann, der seit einigen Jahrzehnten das männliche Role-Model war (nicht zufällig denke ich hier an Frank Schirrmacher) wittert Konkurrenz durch eine neue Sorte Mann, der er der Einfachheit halber den Namen „Nerd“ gibt.

Und deshalb sind ihrer Meinung nach auch Frauen nicht vom Nerd-Genannt-Werden betroffen:

Ich bin der Meinung, das hängt eben genau damit zusammen, dass die Nerd-Diskussion in Wahrheit eine versteckte Männlichkeits-Diskussion ist: Während verunsicherte Nicht-Nerd-Männer die Selbstverständlichkeiten, an die sie immer geglaubt haben, in Gefahr sehen (einfach weil es immer mehr Männer gibt, die es anders machen, eben die „Nerds“), gibt es auf Seiten der „Nicht-Nerd-Frauen“ (wie ich zum Beispiel eine bin) keine Notwendigkeit, sich irgendwie konzeptionell von „Nerd-Frauen“ zu unterscheiden. Es besteht einfach an diesem Punkt keinerlei Unsicherheit im Bezug auf die eigene Weiblichkeit oder die Bedeutung, die wir jeweils dem Frausein beimessen. Wie gut eine Frau mit Computern kann und wie viel sie im Netz unterwegs ist, ist schlicht unerheblich im Bezug auf das Frausein. Die einen machen es eben so und die anderen so (was nicht heißt, dass Frauen bei diesem Thema keine Konflikte untereinander hätten, aber dazu ein andermal).

Der zweite, spannendere Punkt in ihrem Text, ist die These, dass Nerds unfähig sind, mit offenen Systemen wie Politik umzugehen:

Genau dieser Punkt war es, der mich vor einem halben Jahr an vielen „nerdigen“ Kommentaren zu meinem Blogpost über die Piraten vor allem gestört hat. Nicht, dass sie anderer Meinung waren als ich (nämlich der Meinung, der Frauenanteil in einer Partei sei irrelevant, während ich der Meinung war, er sei relevant), sondern dass sie ihre Meinung so verkündeten, als ginge es dabei um eine objektive Wahrheit, eine universale Logik, und ich sei nur zu blöde, um sie zu verstehen.

Diese Vorstellung, es gebe hinter allem eine „Wahrheit“ und es gehe nur darum, sie möglichst zweifelsfrei herauszufinden, stimmt aber nur für abgeschlossene Systeme und nicht für Politik. Es ist zum Beispiel schlicht nicht möglich, zu „beweisen“, ob der Frauenanteil in einer Partei relevant ist oder nicht. Sondern genau das ist der Gegenstand politischer Urteile, darüber gibt es Differenzen, und nirgendwo ist ein Schiedsrichter, der sagt, wer recht hat: Sobald ich, eine einzige Frau, beschließe, dass der Frauenanteil in einer Partei relevant ist, dann ist er nämlich relevant (zunächst einmal für mich, aber bald auch für die Welt, denn ich werde dann entsprechend handeln).
Der Bereich des Politischen führt immer aus dem jeweiligen System hinaus, das ist sein Wesen. Politik zeichnet sich (nach Hannah Arendt) durch die Möglichkeit des Neuanfangs aus, durch die Fähigkeit jedes einzelnen Menschen, etwas Anderes, Neues, noch nie da Gewesenes zu tun. Die alten, bisher existierenden Logiken und Maßstäbe haben im Bezug auf dieses Neue keine Gültigkeit. Man befindet sich in der Politik in einem undefinierbaren und schwammigen und unsicheren Bereich, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als real existierende Unterschiede auszuhandeln und sich mit Menschen abzugeben, die (aus eigener Perspektive) Blödsinn reden, nichts kapiert haben, kein bisschen durchblicken und so weiter.
Daher meine Frage an die „Nerds“ (und jetzt meine ich explizit auch die Frauen, die sich dazu zählen): Könnt Ihr mit diesem Unterschied zwischen offener, unbeweisbarer, überraschender, nicht vorhersagbarer Politik (Differenz) und verstehbarem, allgemein gültigem und logisch beweisbaren Systemen (Universalismus) etwas anfangen? Habt ihr darüber schon diskutiert? Ergebnisse? Texte? Links? Danke!

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