Nerds sind Freimaurer

30. Oktober 2010

Ronno zieht in einer Spiegel Online-Diskussion zur Aufspaltung des Open Office-Projektes einen interessanten Vergleich. Für ihn sind Nerds Teil einer eingeweihten Gemeinde, die sorgsam darauf bedacht ist, ihre Mitgliedschaft zu kontrollieren. Unter dem Titel „Bangt hier jemand um seinen Status?“ postete er am 29. Oktober 2010:

Zitat von hjm

OpenOffice war immer ein Fremdkörper in der Welt der freien Software. Freie Software lebt davon, dass die Entwickler Programme für sich selbst schreiben und sich dabei an ihren eigenen Bedürfnissen orientieren. OpenOffice orientiert sich aber nicht an den Bedürfnissen der Entwickler, sondern an den Vorbildern aus der kommerziellen Welt, und damit am Dummi-Benutzer.
Nunja, die Zeiten, wo Freie Software nur von elitären Nerds für elitäre Nerds des innersten eingeweihten Logenzirkels gemacht wurde, sind wohl langsam vorbei. Selbst „Blender“ hat seine vorsintflutliche Benutzeroberfläche in der neusten Beta-Version endlich den „Dummies“ angepasst, die damit nur Arbeiten wollen (sonst kaufen die sich womöglich doch noch C4D ;-). Linux lässt sich dank Ubuntu & Co. inzwischen auch einfach von „Dummies“ installieren. Selbstverständlich geht damit immer ein Stück des hochnäsigen Elitedenkens einiger Leutchen verloren, die sich dann andere Be(s)tätigungsfelder ihrer Überlegenheit suchen müssen.
Bei aller Stimmigkeit des Vergleichs bleibt doch der Vorbehalt, dass Nerds sich nicht in hierarchischen Strukturen organisieren würden und regelmäßige Treffen nach bestimmten Regeln abhalten würden. Es sei denn, man definiert die ungeregelte, aber von emergenten Codes geleitete Teilhabe an bestimmten Aktivitäten und Interessen als eine solche Organisation.

Evolution of the geek

20. Oktober 2010

Auf flowtown.com findet sich eine schöne Grafik, die die Evolution des Geeks darstellen soll. Als Quellen sind Magazine angegeben, die entweder gar keine Quellen angeben oder auf andere Artikel verweisen, die entweder gar keine Quellen angeben oder auf andere Artikel verweisen. Und so schleift sich die Information, dass „Geek“ von „Geck“ kommt, und dass es sich um österreichisch-ungarische Zirkusartisten handelte, die Hühnern den Kopf abbissen ein. Dafür braucht es noch die wasserdichte Quelle. Und überhaupt: Ist dann bewiesen, dass Ozzy Osbourne ein Original-Geek ist?


Prior to editing

18. Oktober 2010

Als Robert Joy die Titelrolle in Larry Shues „The Nerd“ im Helen Hayes Theatre spielte, erklärte er in einem Interview für das New York Magazine am 23. März 1987 seinen Zugang zu diesem Typ Mensch so:

„Everything I’m using in Steadman is me prior to editing. I found out very early that what makes the Nerd the way he is is that he doesn’t check himself to see if what he is saying is cool enough. That’s why a lot of scholars are called nerds – their minds aren’t on the impression they are making. The Nerd is a very free person, and it was easy for me to find what was lovable in him.“ (S. 25)

Interessant ist die Wortwahl „prior to editing“. Es lässt den Nerd als einen Menschen erscheinen, der sich einer gesellschaftlichen Tendenz entzieht, dass jede Äußerung, jede Handlung und jedes Auftreten so gemacht wird, als würde sie in einem publizistischen Kontext stehen. Menschen reden so, als könnte es auch in einer Zeitschrift oder in einem Radiofeature verwendet werden, Menschen handeln so, als würde es sich um eine Szene in einem Spielfilm oder einem Theaterstück handeln, Menschen treten so auf, als würden sie sich in einem Musikvideo oder einer Talkshow befinden. Dass der Nerd „prior to editing“ is, könnte, wenn man es noch weiter denkt, auch bestimmte Vorlieben des Nerds erklären, etwa die für das World Wide Web, das in seiner Gänze auch „prior to editing“ ist.

[Foto aus dem New York Magazine]


Durch die Brille des Nerds gesehen

13. Oktober 2010

In ihrem Buch „Jocks and Nerds“ liefern Richard Martin und Harold Koda die bislang tiefschürfendste Analyse des Klischeeaccessoires „Brille“:

Glasses are appropriate for the nerd not only because they signal the failure of his body to function in the seemingly invulnerable jock mode but because they hold an almost iconic power; glasses are what the bully pulls off in his taunts; glasses are what slip off at the water fountain; and in their distortion of the eyes, glasses create a focus on the pain of the nerd. The nerd style evokes sympathy. (S. 34)

Brillen sind also:

  • Index für die körperliche Schwäche des Nerds
  • das, was der Klassenschläger vom Nerd herunterreißen und zerstören kann
  • das, was der Nerd selbst verlieren kann, um sich selbst lächerlich zu machen
  • eine Metapher, um die verzerrte Sicht auf den Nerd anschaulich zu machen

[Photo von http://www.geekfleet.co.uk%5D


Nerd-Checkliste aus Life

13. Oktober 2010

Im Life-Magazine erschien im Januar 1985 ein Artikel, in dem 22 Eigenschaften des gemeinen Nerds aufgezählt wurden:

  1. short haircut (receding hairline, large-domed forehead?)
  2. corrective lenses mended with adhesive tape (nearsighted?)
  3. rear-view mirror (on glasses)
  4. arrested case of acne with computer-terminal burn
  5. goofy, toothy smile
  6. generic T-shirt
  7. pajama-print short-sleeved shirt (permanent press, bought by Mom?)
  8. plastic pocket guard (containing pens, plastic comb, eyeglass-cleaning papers, and air-pressure gauge)
  9. digital watch
  10. belt cinched at the thorax
  11. emergency pen carrier (suspended from waistband)
  12. Canon printout calculator (the neo-slide rule)
  13. embarrassing fly
  14. computer traveling case
  15. Hostess Cup Cakes
  16. bag lunch (tuna fish on white, corn chips, Sno Balls)
  17. three-speed bike with bell, basket, and book clip
  18. printout
  19. unaffectedly short trousers (from high school)
  20. pants-leg clips
  21. socks with heels worked down under the arches
  22. brown shoes

[Foto: Robert Joy in CSI:NY von http://www.poptower.com/robert-joy.htm. Robert Joy spielte 1987 in der Broadway Production „The Nerd“ die Hauptrolle]


„Nerd“ leitet sich vom englischen „nerd“ ab

12. Oktober 2010

Im Anhang des Buches „Lachende Wissenschaft: aus den Geheimarchiven des Spaß-Nobelpreises“ des forensischen Biologen Mark Benecke findet man unter dem Titel „Wissenschaftliche Begriffe“ auf S. 221 diese Nerd-Definition:

Nerd: Ein intelligenter, aber kauziger, im Kontakt mit der Umwelt oft stiller Mensch. Ursprünglich abgeleitet vom englischen Wort für „Streber“, weil man diese Menschen früher für übertrieben ehrgeizige Schüler hielt. Das stimmt aber nicht, es ist bloß so, dass sich Nerds manchmal auch mit in der Schule behandelten Themen gern sehr innig beschäftigen. Ebenso oft tun sie dies aber nicht und sind darum nur in bestimmten Schulfächern besonders gut.
Schon seit etwa zehn Jahren wandelt sich die unrichtige Wahrnehmung: Max Goldt beschreibt Nerds als Menschen, die früher gern auf dem elterlichen Küchentisch gelöstet haben, heute an Computersoftware tüfteln, ihren Körper nicht richtig beherrschen und Sex für lästig halten.
Seit etwa 2001 hat sich die Wortbedeutung wiederum verändert. Heute steht der Begriff „Nerd“ laut Klaus Fehling für „jemanden, der etwas ganz allein, ohne die Hilfe anderer, beherrschen kann“.
Anstelle von „Nerd“ wird auch das Wort „Geek“ benutzt, das sich aber eher auf reine Computertüftler bezieht.

Was das englische Wort für Streber ist, von dem Nerd „abgeleitet“ sein soll, bleibt unklar (wahrscheinlich ist es „nerd“). Die Nerd-Definition von Klaus Fehling, die ohne Quellenangabe zitiert wird, findet sich ebenfalls bei Mark Benecke, in dem Artikel „Geliebte mit hunderttausend Volt“ über Freunde von Starkstrommasten, der 2001 in der 29. Ausgabe der ZEIT erschienen ist:

„Der Definition nach“, stellt der in Computer-Betriebssysteme verliebte Theaterautor Klaus Fehling bei einer Zigarre fest, „bist du auch ein Nerd.“
Das wundert mich, denn Nerds sind laut Max Goldt eigentlich Menschen, die früher gern auf dem elterlichen Küchentisch gelötet haben, heute an exotischer Software tüfteln, ihre Körper nicht richtig beherrschen und Sex für lästig halten. „Stimmt nicht ganz“, meint mein Gast. „Nerds sind vor allem Spezialisten für etwas, das sie ganz allein, ohne die Hilfe anderer, beherrschen können.“
So wie die Liebhaber von Überlandstromleitungsmasten.

Eine Methode, die man sich merken muss: Schreibe einen Artikel, in dem man von der Aussage eines Anderen gegenüber einem selbst berichtet. Dann zitiere in einem anderen Text diese Aussage, die ja nun eine Quelle besitzt.


Unfähigkeit zum Politischen (und sonstigen offenen Systemen)

8. Oktober 2010

In ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ bezieht sich Antja Schrupp am 31. März 2010 unter dem Titel „Nerds (m/w). Eine Analyse und eine Frage“ auf den Brandeins Artikel über Nerds. Sie versteht die Kategorie „Nerd“ als ein geschlechtsspezifisches Abgrenzungsinstrument:

Bei der Diskussion über die Nerds geht es um einen Konflikt zwischen Männern. Verhandelt wird daran ein sich veränderndes Männerbild. Der visionäre, polternde, machtbewusste, charismatische Macher-Mann, der seit einigen Jahrzehnten das männliche Role-Model war (nicht zufällig denke ich hier an Frank Schirrmacher) wittert Konkurrenz durch eine neue Sorte Mann, der er der Einfachheit halber den Namen „Nerd“ gibt.

Und deshalb sind ihrer Meinung nach auch Frauen nicht vom Nerd-Genannt-Werden betroffen:

Ich bin der Meinung, das hängt eben genau damit zusammen, dass die Nerd-Diskussion in Wahrheit eine versteckte Männlichkeits-Diskussion ist: Während verunsicherte Nicht-Nerd-Männer die Selbstverständlichkeiten, an die sie immer geglaubt haben, in Gefahr sehen (einfach weil es immer mehr Männer gibt, die es anders machen, eben die „Nerds“), gibt es auf Seiten der „Nicht-Nerd-Frauen“ (wie ich zum Beispiel eine bin) keine Notwendigkeit, sich irgendwie konzeptionell von „Nerd-Frauen“ zu unterscheiden. Es besteht einfach an diesem Punkt keinerlei Unsicherheit im Bezug auf die eigene Weiblichkeit oder die Bedeutung, die wir jeweils dem Frausein beimessen. Wie gut eine Frau mit Computern kann und wie viel sie im Netz unterwegs ist, ist schlicht unerheblich im Bezug auf das Frausein. Die einen machen es eben so und die anderen so (was nicht heißt, dass Frauen bei diesem Thema keine Konflikte untereinander hätten, aber dazu ein andermal).

Der zweite, spannendere Punkt in ihrem Text, ist die These, dass Nerds unfähig sind, mit offenen Systemen wie Politik umzugehen:

Genau dieser Punkt war es, der mich vor einem halben Jahr an vielen „nerdigen“ Kommentaren zu meinem Blogpost über die Piraten vor allem gestört hat. Nicht, dass sie anderer Meinung waren als ich (nämlich der Meinung, der Frauenanteil in einer Partei sei irrelevant, während ich der Meinung war, er sei relevant), sondern dass sie ihre Meinung so verkündeten, als ginge es dabei um eine objektive Wahrheit, eine universale Logik, und ich sei nur zu blöde, um sie zu verstehen.

Diese Vorstellung, es gebe hinter allem eine „Wahrheit“ und es gehe nur darum, sie möglichst zweifelsfrei herauszufinden, stimmt aber nur für abgeschlossene Systeme und nicht für Politik. Es ist zum Beispiel schlicht nicht möglich, zu „beweisen“, ob der Frauenanteil in einer Partei relevant ist oder nicht. Sondern genau das ist der Gegenstand politischer Urteile, darüber gibt es Differenzen, und nirgendwo ist ein Schiedsrichter, der sagt, wer recht hat: Sobald ich, eine einzige Frau, beschließe, dass der Frauenanteil in einer Partei relevant ist, dann ist er nämlich relevant (zunächst einmal für mich, aber bald auch für die Welt, denn ich werde dann entsprechend handeln).
Der Bereich des Politischen führt immer aus dem jeweiligen System hinaus, das ist sein Wesen. Politik zeichnet sich (nach Hannah Arendt) durch die Möglichkeit des Neuanfangs aus, durch die Fähigkeit jedes einzelnen Menschen, etwas Anderes, Neues, noch nie da Gewesenes zu tun. Die alten, bisher existierenden Logiken und Maßstäbe haben im Bezug auf dieses Neue keine Gültigkeit. Man befindet sich in der Politik in einem undefinierbaren und schwammigen und unsicheren Bereich, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als real existierende Unterschiede auszuhandeln und sich mit Menschen abzugeben, die (aus eigener Perspektive) Blödsinn reden, nichts kapiert haben, kein bisschen durchblicken und so weiter.
Daher meine Frage an die „Nerds“ (und jetzt meine ich explizit auch die Frauen, die sich dazu zählen): Könnt Ihr mit diesem Unterschied zwischen offener, unbeweisbarer, überraschender, nicht vorhersagbarer Politik (Differenz) und verstehbarem, allgemein gültigem und logisch beweisbaren Systemen (Universalismus) etwas anfangen? Habt ihr darüber schon diskutiert? Ergebnisse? Texte? Links? Danke!