Self-Consciousness ist was?

David Anderegg weist, wie andere auch, einen „lack of self-conciousness“ als typisches Persönlichkeitsmerkmal des Nerds aus:

One of the things that makes kids kids is their lack of self-consciousness, and one of the things that most distinguishes nerdy kids from nonnerdy kids is exactly this quality, as we shall see later on. One might say that the kids whom others label as really nerdy are the ones who are the last to develop the self-consciousness of adolescence or, in other words, the last to grow up. The weird enthusiasms, the willingness to cooperate with adults, the lack of social skills – all these things seem nerdy and pathetic to sophisticated, self-conscious teenagers. But nerdiness has its own charms. (David Anderegg: Nerds. Who they are and why we need more of them. New York: Jeremy P. Tarcher, 2007. S. 5)

Die Frage, die sich stellt, ist: wie sollte man das nun ins Deutsche übersetzen? Ein schwieriges Unterfangen, denn so einleuchtend das Konzept ist und so gut man es mit viel Umschreibung treffen könnte, so wenig gibt es ein Wort für dieses Konzept im Deutschen. Ein relativ bekannter Problemfall, der es als Beispiel in den „False Friends“-Artikel der Wikipedia geschafft hat:

Ebenso hat die falsche Übersetzung von self-consciousness zu einer irrtümlichen Gleichsetzung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen im alltäglichen Sprachgebrauch geführt; self-consciousness bedeutet eigentlich soviel wie „seiner selbst als Person voll und ständig bewusst sein“, kurzum: „Befangenheit“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Falscher_Freund)

Genau so löst es das dict.cc-Wörterbuch, wenn es self-consciousness mit „Befangenheit“ übersetzt, als Synonyme dann aber auch „Gehemmtheit“ und „Verlegenheit“ angibt. Dabei wird deutlich, dass „Befangenheit“ schon zu negativ besetzt ist. Wenn davon gesprochen wird, dass Nerds einen „lack of self-consiousness“ hätten, würde das bedeuten, sie wären völlig unbefangen, was erstens eine absolut positive Eigenschaft darstellte und zweitens auch nur in Bezug auf andere Menschen deutlich sein könnte. Beim Sozialverhalten wird allerdings oft von ihrer „awkwardness“ gesprochen, was in deutscher Übersetzung widersprüchlich wird, weil man diesen Begriff mit „Gehemmtheit“ übersetzen könnte.

Dict.cc gibt allerdings noch einen Alternativbegriff an – „consciousness of self“ – der dann mit „Ichbewusstsein“ übersetzt wird. Eine andere Richtung, die vielleicht schon richtiger ist, allerdings die Sache auch nicht ganz trifft. Das wäre das philosophische Konzept des „Selbstbewusstseins“, also das Bewusstsein des Menschen von sich selbst als denkendem Wesen. Im Forum von Leo.org wird in einem Thread diese Übersetzungsvariante diskutiert, dort wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass dieses im Englischen eher „self-awareness“ hieße (wie die landläufige Bedeutung von Selbstbewusstsein „self-esteem“ wäre). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass in sozialpsychologischen Artikeln und Tests „self-consciousness“ mit „Selbstwahrnehmung“ übersetzt wird.

Wichtig für das Konzept ist, dass ein Nerd in sozialen Zusammenhängen sich, seine Erscheinung und seine Handlungen nicht durch die Augen der anderen betrachtet und somit durch unangepasstes bis linkisches Verhalten auffällt. Er ist sich allerdings seiner selbst bewusst, auch der Reaktionen der anderen auf ihn, er lässt sich allerdings nicht auf den Regelkreis ein, dass diese Reaktionen sein Verhalten modifizieren würden und er sich somit seiner Umgebung anpasst. „Selbstwahrnehmung“ vernachlässigt diesen Aspekt, es klingt so, als würde er sich bei einem Fehlen von „Selbstwahrnehmung“ nur an der Umgebung orientieren, wohingegen das Gegenteil der Fall ist.

In einem anderen Thread auf Leo.org wurde durch ein Mißverständnis bei der Diskussion der Begriffe „Selbstbewusstsein“ und „Selbstsicherheit“ vom User „bike_helmut“ der Begriff „Selbstbewusstheit“ gebildet und vom User „Archfarchnad -gb-“ aufgegriffen. Ein, wie ich auch finde, sehr guter Begriff, weil durch diese Entfremdung die Tätigkeit der Wahrnehmung des Selbst und das Bewusstsein vom eigenen Selbst in bestimmten Zusammenhängen wieder akzentuiert wird, die in „Selbstbewusstsein“ verloren gegangen sind, das keinen aktivischen Prozess bezeichnet, sondern eine permanente Eigenschaft. Mit dieser Erläuterung würde ich also „self-consciousness“ als „Selbstbewusstheit“ übersetzen.

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