Luftigkeit

26. August 2008

Der neue Weltmeister der AGWC im Luftgitarrespielen steht fest: es ist Hot Lixx Hulahan aus den USA. Ist Luftgitarrespielen eigentlich nerdig? Eigentlich tritt es doch mit allen Attributen von „Jock“-Kultur auf (ein weiteres Übersetzungsproblem, das gelöst werden muss): Machismo, sexuelles Protzen, Mainstream-Hardrock, Publikumsbezug, körperliche Anstrengung. Trotzdem beschleicht einen beim Betrachten der Auftritte, zum Beispiel vom Champion der Jahre 2006 und 2007, Ochi Dainoji Yosuke, das Gefühl, dass man es mit Nerds zu tun haben muss, sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Organisatoren.

These: Im Gegensatz zu expressivem Tanz oder intensivem Mitsingen kann man Luftgitarrespielen überhaupt nicht mit irgendeiner ernsthafte Betätigung in Verbindung bringen – es ist also nicht sozial eingepasst.

These: Ein großer Reiz beim Zusehen liegt darin, dass man sich vorstellen muss, wie jemand wochen- oder monatelang diese sinnlose Betätigung entworfen, einstudiert und trainiert haben muss. (Spielercharakter des Nerds)

These: Wenn Nerds explizit mit ihren nerdigen Kompetenzen und Fähigkeiten auftreten, dann entwickelt sich für das Publikum ein Camp-Erlebnis. Der Nerd verwandelt sich in dieser Situation zum Freak. Wohl eine der wenigen Möglichkeiten, wie Nerds popkulturell adaptibel sein können. (Andere gesellschaftliche Möglichkeiten: Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaft)

These: Von anderem, „echten“ Camp unterscheidet sich das aber dadurch, dass die Produzenten nicht glauben, dass sie in einem allgemein anerkannten, ernsthaftem Gebiet reüssieren. (siehe Sontag: „Notes on Camp“)

Zeitgleich berichtet Spiegel Online über die beste deutsche Guitar-Hero-Spielerin. Auch Luftgitarre, möchte man meinen. Aber doch eigentlich etwas völlig Anderes. Was zu analysieren wäre.

(Quelle des Bilds: http://illustrationmafia.blogspot.com/2007/09/air-guitar-101.html)

Ergänzung:

Christian Kortmann hat das Phänomen übrigens so gedeutet:

Dass man sich zum Luftgitarrespielen institutionell zusammen schließt, ist Beweis für die große Freude am enthemmten So-tun-als-ob, das im Alltag ja verpönt ist: Wie unfein, sich zu verstellen; wie sympathisch aber, immer ganz der zu bleiben, der man ist. Bei den Luftgitarren-Weltmeisterschaften wird die lustvolle Selbstdarstellung zum Sport, die Inszenierung des Ichs zu einer anerkannten Leistung. Daher kann man die Titelkämpfe nicht einfach als eine Veranstaltung abtun, bei der Spinner ihre Tagträume realisieren. Vielmehr muss das man das Luftgitarrenspiel in seiner kulturhistorischen Verwandschaft mit all jenen Disziplinen betrachten, die das schmückende Ornament in der Ausführung über den eigentlichen Zweck der Handlung stellen: also mit dem automobilen Concours d’Elégance, dem Drag-Queen-Contest, dem Synchronschwimmen und auch der späten Form des Duells, als man sich nur noch der Ehre halber im Wiesenmorgengrauen traf, um dann absichtlich aneinander vorbei zu schießen.

(In: „Unsichtbare Saitenhiebe. Über die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen.“ In: Ders.: Urban Safarai. Expeditionen in die populäre Kultur. Münster: Oktober Verlag, 2003. S. 119-121. Hier: S. 120)

Und Roel Bentz van den Berg fügte dieses hinzu:

Insbesondere bei Hardrock- und Heavy-Metal-Konzerten kann man sie häufig beobachten: Jungs, meist sind es nur Jungs, aber längst nicht immer, die, gleich einem vervielfältigten menschlichen Echo des Gitarristen auf der Bühne, eine unsichtbare Gitarre spielen – die linke Hand, halb zur Faust geballt, ungefähr einen halben Meter neben ihrem Herzen, die rechte Hand irgendwo zwischen Nabel und Schritt, mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung machend, als polierten sie eine Zehncentmünze. Unsichtbar, aber allein schon wegen der Hingabe, mit der sie gespielt wird – beseelt von all dem, was der Spieler auf ihr auslebt -, nicht weniger wirklich als jede Kombination von Holz, Plastik und Metall; unsichtbar nur deshalb, weil alles, was nicht unbedingt zum Wesen dieses Instruments gehört, heruntergerissen wurde, bis zum Schluß nur „Luft“ übriggeblieben ist, das Himmelblau der Phantasie, die Farbe des Instruments, über das Wallace Stevens dichtete: Things as they are / Are changed upon the blue guitar.
Ein Lied auf der Luftgitarre spielen – ein phantasiertes Instrument als Instrument der Phantasie – bedeutet, seinen Text und seine Musik zwischen den Außenmauern der Welt und den Innenmauern der eigenen Seele so laut wie möglich widerhallen zu lassen: das, was Lucebert in Über den Abgrund und den Luftmenschen einmal als „das Abtasten des inneren Gehörs“ bezeichnet hat – so lange, bis das Echo, das sich mit all dem füllt, wogegen es unterwegs stößt, wie in einem Spiegel aus Schall ein menschliches Antlitz angenommen hat, das einem bekannt vorkommt. Bin ich das? Bist Du das?

(In: Die Luftgitarre. Bowie, Springsteen und all die anderen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999. S. 8 f.)


Nerdchic

26. August 2008

Am 11. März 2007 brachte die New York Times eine kleine Lifestylestrecke, in der die Modefehler von Nerds als neuer Chic ausgemacht werden:


Self-Consciousness ist was?

25. August 2008

David Anderegg weist, wie andere auch, einen „lack of self-conciousness“ als typisches Persönlichkeitsmerkmal des Nerds aus:

One of the things that makes kids kids is their lack of self-consciousness, and one of the things that most distinguishes nerdy kids from nonnerdy kids is exactly this quality, as we shall see later on. One might say that the kids whom others label as really nerdy are the ones who are the last to develop the self-consciousness of adolescence or, in other words, the last to grow up. The weird enthusiasms, the willingness to cooperate with adults, the lack of social skills – all these things seem nerdy and pathetic to sophisticated, self-conscious teenagers. But nerdiness has its own charms. (David Anderegg: Nerds. Who they are and why we need more of them. New York: Jeremy P. Tarcher, 2007. S. 5)

Die Frage, die sich stellt, ist: wie sollte man das nun ins Deutsche übersetzen? Ein schwieriges Unterfangen, denn so einleuchtend das Konzept ist und so gut man es mit viel Umschreibung treffen könnte, so wenig gibt es ein Wort für dieses Konzept im Deutschen. Ein relativ bekannter Problemfall, der es als Beispiel in den „False Friends“-Artikel der Wikipedia geschafft hat:

Ebenso hat die falsche Übersetzung von self-consciousness zu einer irrtümlichen Gleichsetzung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen im alltäglichen Sprachgebrauch geführt; self-consciousness bedeutet eigentlich soviel wie „seiner selbst als Person voll und ständig bewusst sein“, kurzum: „Befangenheit“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Falscher_Freund)

Genau so löst es das dict.cc-Wörterbuch, wenn es self-consciousness mit „Befangenheit“ übersetzt, als Synonyme dann aber auch „Gehemmtheit“ und „Verlegenheit“ angibt. Dabei wird deutlich, dass „Befangenheit“ schon zu negativ besetzt ist. Wenn davon gesprochen wird, dass Nerds einen „lack of self-consiousness“ hätten, würde das bedeuten, sie wären völlig unbefangen, was erstens eine absolut positive Eigenschaft darstellte und zweitens auch nur in Bezug auf andere Menschen deutlich sein könnte. Beim Sozialverhalten wird allerdings oft von ihrer „awkwardness“ gesprochen, was in deutscher Übersetzung widersprüchlich wird, weil man diesen Begriff mit „Gehemmtheit“ übersetzen könnte.

Dict.cc gibt allerdings noch einen Alternativbegriff an – „consciousness of self“ – der dann mit „Ichbewusstsein“ übersetzt wird. Eine andere Richtung, die vielleicht schon richtiger ist, allerdings die Sache auch nicht ganz trifft. Das wäre das philosophische Konzept des „Selbstbewusstseins“, also das Bewusstsein des Menschen von sich selbst als denkendem Wesen. Im Forum von Leo.org wird in einem Thread diese Übersetzungsvariante diskutiert, dort wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass dieses im Englischen eher „self-awareness“ hieße (wie die landläufige Bedeutung von Selbstbewusstsein „self-esteem“ wäre). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass in sozialpsychologischen Artikeln und Tests „self-consciousness“ mit „Selbstwahrnehmung“ übersetzt wird.

Wichtig für das Konzept ist, dass ein Nerd in sozialen Zusammenhängen sich, seine Erscheinung und seine Handlungen nicht durch die Augen der anderen betrachtet und somit durch unangepasstes bis linkisches Verhalten auffällt. Er ist sich allerdings seiner selbst bewusst, auch der Reaktionen der anderen auf ihn, er lässt sich allerdings nicht auf den Regelkreis ein, dass diese Reaktionen sein Verhalten modifizieren würden und er sich somit seiner Umgebung anpasst. „Selbstwahrnehmung“ vernachlässigt diesen Aspekt, es klingt so, als würde er sich bei einem Fehlen von „Selbstwahrnehmung“ nur an der Umgebung orientieren, wohingegen das Gegenteil der Fall ist.

In einem anderen Thread auf Leo.org wurde durch ein Mißverständnis bei der Diskussion der Begriffe „Selbstbewusstsein“ und „Selbstsicherheit“ vom User „bike_helmut“ der Begriff „Selbstbewusstheit“ gebildet und vom User „Archfarchnad -gb-“ aufgegriffen. Ein, wie ich auch finde, sehr guter Begriff, weil durch diese Entfremdung die Tätigkeit der Wahrnehmung des Selbst und das Bewusstsein vom eigenen Selbst in bestimmten Zusammenhängen wieder akzentuiert wird, die in „Selbstbewusstsein“ verloren gegangen sind, das keinen aktivischen Prozess bezeichnet, sondern eine permanente Eigenschaft. Mit dieser Erläuterung würde ich also „self-consciousness“ als „Selbstbewusstheit“ übersetzen.


Nerd Set

25. August 2008

Das von David Anderegg in „Nerds. Who they are and why we need more of them“ am Anfang von Kapitel 1 beschriebene Nerd-Set mit geflickter Brille, Fliege und Taschenschoner:

(Quelle: melis ’08)


Autisten als IT-Spezialisten

25. August 2008

Spiegel Online hat heute einen Artikel über das dänische IT-Unternehmen Specialisterne, das ausschließlich Autisten beschäftigt – weil sie besser geeignet sind, monotone, aber extrem detailsensiblen Prozesse durchzuführen:

Autisten nicht als Behinderte zu sehen, sondern ihre besonderen Fähigkeiten zu nutzen. Das ist die Idee des dänischen IT-Unternehmens Specialisterne, bei dem Jensen für Kunden wie GlobalConnect die Kabellegung plant. Übersetzt bedeutet der Name „Spezialisten“ und genau das sind Autisten. Sie sind oft auf einzelnen Gebieten hochbegabt und haben ein weit besseres Gefühl für Details als Nicht-Autisten. Fehlerlos endlose Zahlenkolonnen zu überprüfen, ist für Autisten kein Problem. Sie können für Software-Tests eingesetzt werden oder Mobiltelefone auf ihre Funktionen hin testen. Schwer hingegen fällt ihnen Teamarbeit. Empathie zählt nicht zu ihren Stärken. In einer Arbeitswelt, die Teamfähigkeit meist ganz oben in jedes Anforderungsprofil schreibt, haben sie kaum eine Chance – außer bei Specialisterne.

Obwohl kein einziges Mal der Begriff Nerd fällt, passen die Beschreibungen perfekt zu all den Einschätzungen, die man sonst über Nerds lesen kann:

Tatsächlich hatte der Manager lange Schwierigkeiten, die richtigen Leute für den Job zu finden. „Die Abläufe wiederholen sich ständig, dennoch braucht es Detailgenauigkeit“, sagt Krage. Bevor er mit Specialisterne zusammenarbeitete, hatte er Leute, die nicht wirklich motiviert waren und die Aufgabe als unbeliebte Pflicht empfanden. Autisten seien hingegen viel motivierter und könnten den Job genauso schnell, wenn nicht schneller erledigen, als Nicht-Autisten.


Bill Gates geht und bleibt doch

22. August 2008

Bill Gates auf dem Cover vom Time Magazine im April 1984

In Norbert Bolzens Theorie der neuen Medien fällt das Wort „Figuralparadigma“. Bolz will damit ausdrücken, wie Walter Benjamin Charles Baudelaire in seiner Begeisterung für Richard Wagner gedeutet hat: als Verkörperung einer ästhetischen Haltung gegenüber neuen technischen Entwicklungen. Und damit als Begreifbares (um nicht zu sagen: Begriff) für die sich herausbildende ästhetische Moderne.

Man kann nun einwenden, dass es erstens viel zu viele Namen sind, um etwas zu erklären, und zweitens, dass es sich um ein typisch akademisch gestelztes Wort handelt, das man genauso gut mit einem schönen deutschen Anglizismus wie role model hätte beschreiben können. Oder gar: Vorbild. Aber manchmal verwenden Wissenschaftler ihre Wörter so, wie sie immer behaupten: als präzise Beschreibungen eines bestimmten Konzepts. „Figuralparadigma“ bedeutet nicht, dass jemand etwas vorgemacht hat, das andere dann nachmachen konnten, sondern es drückt aus, dass jemand nachträglich als jemand erkannt wird, der wie kein anderer vor ihm die Logik seiner Zeit verkörpert hat, ohne dass es ihm und anderen bewusst gewesen wäre. Und deshalb braucht es so viele Namen, um dieses Phänomen zu fassen; es existiert nur in der Beziehung von Menschen zueinander.

So erscheint uns Leonardo da Vinci als Figuralparadigma der Renaissance, Ludwig XIV. als das des Absolutismus, Immanuel Kant als Verkörperung der Aufklärung, Oscar Wilde als eine des Ästhetizismus, Albert Einstein als paradigmatische Figur des neuen physikalischen Weltbilds, Pablo Picasso als die des modernen Künstlers. Und Bill Gates, um endlich zur Hauptperson dieses Textes zu kommen, ist Figuralparadigma für – ja, für was eigentlich? Irgendwas mit Computern, soviel ist sicher. Gates hat eine Firma namens Microsoft gegründet, die ein Produkt namens Windows herstellt, aber weder leitet er sie, noch programmiert er Windows, noch verkauft er es. Irgendwie hat er es in den letzten 30 Jahren geschafft, das alles irgendwie nicht zu machen und dabei immer mal wieder der reichste Mensch der Welt zu sein. So wie Dagobert Duck, von dessen bekannten operativen Geschäften auch nicht darauf geschlossen werden kann, wie es zu den Fantastilliarden in seinem Geldspeicher kommt. Dass man so einen starken Eindruck von Bill Gates hat und gleichzeitig unsicher ist, was er eigentlich macht, wäre eine weitere Umschreibung von „Figuralparadigma“. Wenn es Bill Gates nicht gäbe, so geht der abgedroschene Spruch, hätte man ihn erfinden müssen, um zu fassen, was man nicht fassen kann. Bill Gates ist Bill Gates.

Bill Gates ist aber noch mehr. Denn manchmal bringen bestimmte Zeitläufte nicht nur Figuralparadigmen wie Leonardo da Vinci und Albert Einstein hervor, sondern lassen auch einen bestimmten Typ Mensch erscheinen, dem man einen eigenen Namen zuordnen kann. So war Oscar Wilde nicht nur Figuralparadigma des Ästhetizismus, er war auch der Prototyp des „Dandy“, die Imitation der Kunst durch das Leben. Die 1980er Jahre als Dekade des schlechten Geschmacks fanden ihren Ausdruck im Young Urban Professional, kurz „Yuppie“. Und so ist Bill Gates für viele der Inbegriff eines „Nerds“. In der Art und Weise, dass, wenn jemand nun fragen sollte, was denn bitteschön ein Nerd sei, man antworten könnte: Jemand wie Bill Gates, und das eine einigermaßen befriedigende Erklärung wäre.

Nerds are here to stay

Anfang 2008 hat Bill Gates angekündigt, dass er sich im Sommer des Jahres, also vergangenen Freitag, aus dem operativen Geschäft von Microsoft zurückziehen werde. Für den unbedarften Zeitungsleser war das eine einigermaßen verwirrende Information, denn schon vor fünf Jahren gab es ellenlange Nachrufe auf Gates zu lesen, weil er zurückgetreten war und die Geschäfte an Steve Ballmer abgegeben hatte. Dass er trotzdem Jahr für Jahr aufgetreten ist, um die neuesten Produkte von Microsoft auf den entsprechenden Messen vorzustellen, konnte man als PR-Masche verbuchen, bei der Bill Gates immer noch für die Firma einsteht, die er gegründet hat. Dass er immer noch die Fäden bei Microsoft in der Hand hält, obwohl er von dieser Funktion vor fünf Jahren zurückgetreten ist – wie könnte er sich sonst jetzt zurückziehen -, verwirrt also, passt aber in das Bild, das wir von Bill Gates/dem Nerd haben: Irgendwie macht er irgendwas, von dem wir ausgeschlossen sind und das wir nicht begreifen können.

Fragt man herum, was denn ein Nerd genau sei, dann gibt es, außer dass Bill Gates ein solcher sei, keine wirklich befriedigende Erklärung. Nerds sind irgendwie anders, heißt es, sie gehören nicht richtig dazu, sehen seltsam aus, verhalten sich noch seltsamer, haben abwegige Interessen und einen unverständlichen Humor. Vor allem aber beschäftigen sie sich mit Computern, die exakt dieselben Eigenschaften aufweisen. Das führt dazu, dass Kulturanthropologinnen wie Mareike Glöss erklären, ein Nerd sei jemand, der schwarze Heavy-Metal-T-Shirts trägt und lange, fettige Haare, weil er so viel Zeit vor dem Computer verbringt, dass er „jegliche Betätigungen im sozialen Umfeld, beziehungsweise mit der eigenen Körperkultur, unterbindet“. Eine Erklärung, die so schlagend wie oberflächlich ist. Denn sie versteht die Erscheinung des Nerds als Symptom und den Computer als die Ursache. Dabei verhält es sich genau umgekehrt.

Nerds, das legen andere Erklärungen nahe – etwa die, dass es sich dabei um das „Asperger-Syndrom“ handele, eine Form von Autismus, die mit hohem IQ und keinen Lernschwierigkeiten einhergeht -, Nerds verbringen ihre Zeit vor dem Computer, weil er perfekt zu ihrer Persönlichkeit passt. Bevor es Computer gab, suchten sie sich andere passende Strukturen: Briefmarkensammlungen etwa oder Modelleisenbahnen oder altgriechische Lyrik. Und dass bei ihnen Kleidung, Körperhygiene und Sozialverhalten nicht den allgemeinen Standards entsprechen, hat damit etwas zu tun, dass die Anderen Standards nicht als Standards begreifen, sondern als das, was gerade üblich ist. Ein System, mit dem ein Nerd nichts anfangen kann – genau das ist sein Defekt. Oder seine Fähigkeit, je nachdem, wie man darauf schaut.

Ein Nerd ist deshalb Nerd, weil er sich nur auf Regelsysteme einlassen kann. Beziehungsweise auf Spiele. Johan Huizinga hat von dem Zauberkreis gesprochen, der Spiele umgibt: Man befindet sich nur „im Spiel“, wenn man sich vollständig seinen Regeln unterwirft und sie mit „heiligem Ernst“ befolgt. Sonst ist man entweder Nichtspieler oder, schlimmer, Spielverderber.

Für die Anderen muss der Nerd als ein Nichtspieler erscheinen, als jemand, der nichts mit ihnen zu tun hat. Deshalb grenzen sie ihn aus und lassen ihn am unteren Rand der Beliebtheitskala ihrer Sozialgruppe vegetieren. Für den Nerd verhält es sich umgekehrt: Die Anderen spielen die Spiele, die es gibt, nicht mit. Schlimmer noch: Sie mischen sich ständig ein, sind also Spielverderber.

Nerd Couture

Das Spiel Kleidung etwa besteht aus Sicht des Nerds aus zwei Regeln: Regulierung des Temperaturhaushaltes des Körpers, Schutz vor Umwelteinwirkungen auf den Körper; als Ware, die es zu erwerben gilt, ist Kleidung zudem noch der Spielregel des sinnvollen Wirtschaftens unterworfen. Dieses Spiel ernst zu nehmen bedeutet, im Winter wärmende und im Sommer luftige Kleidung zu tragen, die das jeweils beste Preis-Leistungs-Verhältnis für diesen Zweck aufweist. Und wenn etwas im vergangenen Winter diese Kriterien erfüllt hat und man nicht größer oder dicker geworden ist oder sich das Klima dramatisch verändert hat, dann spricht nichts dafür, die Kleidung gegen andere auszutauschen. Die Anderen dagegen behaupten, Kleidung sei Mode und der müsse man folgen. Mode kann allerdings nicht gespielt werden, denn es gibt keine feststehenden Regeln. Ihr Wesen ist, dass sie sich ständig ändert, Unvernunft und Geschmack folgt, entsteht und vergeht und wiederentsteht. Ein Nerd kann damit nichts anfangen, denn er wüsste nicht, welchen Strategien er folgen könnte und welche Regelauslegungen den größtmöglichen Erfolg versprechen. Deshalb beschäftigt er sich damit nicht. Nicht der Nerd wird ausgegrenzt, er grenzt sich selbst aus, weil er sich nur innerhalb der Zauberkreise von Spielen aufhält und nichts mit dem Unkontrollierbaren außerhalb anfangen kann.

In gewisser Weise sind Nerds also diejenigen, die Kants kategorischen Imperativ – stets so zu handeln, dass die Maxime des eigenen Handelns Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könne – nicht als Anweisung benötigen, sondern ihn verkörpern. Wenn sie sich nur in Bezug auf Regeln begreifen können, dann ist damit nicht blinder Gehorsam gemeint. Der subkulturelle und subversive Geruch, der Nerds manchmal umweht, kommt daher, dass sie sich nur funktionierenden und sinnvollen Regeln unterwerfen können. Regeln, deren einziger Sinn darin besteht, befolgt werden zu müssen, sind ihnen keine Regeln, weil sich daraus kein Spiel ergibt: keine unendliche Entwicklung von Formen, über die man permanent Kontrolle ausüben kann. Wenn Benjamin Nugent davon spricht, dass die Anderen die Nerds oft mit dem Attribut „maschinenhaft“ versehen, dann drückt sich darin genau dieser Wesenszug aus: der heilige Ernst, mit dem alles betrieben wird, was auf diese Weise betrieben werden kann. Bis hin zum Humor.

Der Computer nun ist das perfekte Spiel, wobei egal ist, welches Programm auf ihm läuft. Man kann nicht anders, als zu spielen, wenn man mit ihm umgehen möchte. Der Prozessor versteht nur bestimmte Befehle, und um zwischen ihm und dem Menschen vor ihm zu vermitteln, müssen diese Befehle in immer neue Algorithmen eingepasst werden, um immer wieder neue Formen zu erzeugen. Auch wenn es Computerunverständigen so scheinen mag, haben die Fehlermeldungen, Systemabstürze und Funktionsverweigerungen immer einen nachvollziehbaren und behebbaren Grund. Sie haben nichts damit zu tun, dass jemand keine Lust hat, gerade nicht aufgepasst oder einfach mal „anti“ drauf ist. Es kann Monate und Jahre dauern, bis die Ursache der scheinbar unverständlichen Fehlermeldung behoben ist, weil das Zusammenspiel der Elemente so komplex ist. Aber dass es eine behebbare Ursache gibt, steht fest. Und macht den Computer derart attraktiv für Nerds, dass sie sich zahlreich an diese kontrollierbare Umgebung gebunden haben. Nicht der Computer hat Nerds also hervorgebracht, vielmehr hat er so viele Nerds angezogen, dass man sie als Typus überhaupt erkennen konnte und in metonymischer Verwechslung den Computer als die Ursache verstand.

Nerdchic

Es hat also immer schon in der Menschheitsgeschichte Nerds gegeben, so wie es Dandys und Yuppies zu anderen Zeiten gegeben hat. Aber erst mit der explosionsartigen Verbreitung von Computertechnik passt dieser Typ Mensch zu den gesellschaftlichen Umständen, wird von ihnen sichtbar gemacht, macht umgekehrt sie sichtbar und darüber hinaus anderen Menschen deutlich, dass sie an einer ganz bestimmten Kultur teilhaben.

Das geht inzwischen so weit, dass sich viele Menschen als Nerds fühlen und geben, die eigentlich keine Nerds sind, und Nerdiges in das unspielerische System von Moden und Populärkultur einführen. Irgendwie sind wir alle ein bisschen Nerd, weil wir in einer Kultur leben, die von Nerds geprägt wird. Und so boomt zur Zeit etwas, was man als „Nerdchic“ bezeichnen kann: die Oberfläche von Nerds und ihren Betätigungen wird als Gestaltungsmaterial popularisiert. MC Frontalot macht erfolgreich „Nerdcore-Rap“ und Weird Al Yankovic vermählt in einigen Songs und Videos Nerds und Hiphop. 8bit-Computerspielgrafik ist der state of the art für Kleidung, Design und Gegenwartskunst und sogar in der Literatur tauchen Erzählungen wie Wir waren Space Invaders, Player One oder zuletzt Extraleben auf, die von der Generation berichten, die mit dem Computer groß geworden ist.

Auch wenn die Autoren sich und ihre Figuren als Nerds bezeichnen, handeln sie vom Zurechtfinden in einer Kultur, die von Nerds geprägt ist, nicht aber von den sie prägenden Nerds. Constantin Gillies´ Extraleben ist eine brillante und liebevolle Phantasie zweier Computerspieler, die in ihrem Alltag das Leben suchen, das ihnen jahrelang auf dem Computerbildschirm versprochen worden ist. Und sie protzen voreinander ständig mit ihrem nerdigen Wissen um verschrobenste Details über Computertechnik und Spielkultur. Das macht den Roman zu einem der bisher besten Dokumente über Nerdkultur. Aber gerade dass sie versuchen, alle ihre Lebensbereiche zu integrieren, ihre frustrierenden Jobs als Redakteure mit einer Geheimagententätigkeit zu verbinden – für eine Organisation, die alte Computersysteme in Atomkraftwerken, Raketensilos, Börsenverwaltungen und Regierungsinstituten auf Vordermann bringt, bevor es zu einer Katastrophe kommt -, gerade das zeigt, dass sie sich nicht auf kontrollierbare Spiele zurückziehen, sondern im großen, chaotischen Gesellschaftssystem agieren wollen.

Der Nerd Bill Gates hat in dieser Weise nie agieren können. Seine öffentlichen Auftritte waren verkrampft, unverständlich und zeugten von keinerlei Einsicht in die feinen Dynamiken von Sozialsystemen. Beinahe jede Präsentation von Microsoft-Produkten auf Messen und Pressekonferenzen ist zu einem Pleiten-Pech-und-Pannen-Klassiker geworden – anders als bei Steve Jobs von Apple, dem Gegenbild von Gates, der ein Meister der Show ist und Nerds wie Steve Wozniak als Materiallieferanten dafür ausgebeutet hat. Dass sich Billl Gates nun zurückzieht, bedeutet lediglich, dass er auf dieses Chaos endgültig verzichtet und nur noch das machen wird, was er als Nerd immer schon gemacht hat: Spiele zu spielen, deren Regeln er kennt und die er kreativ zu handhaben weiß. Denn spätestens durch die Gerichtsverfahren wegen Wettbewerbsverzerrung und Monopolbildung dürfte ihm klargeworden sein, dass Microsoft als Firma kein Spiel ist.

In: Freitag 27, 2008 (http://www.freitag.de/2008/27/08271901.php)